Hanni und Nanni

Das Kapitel “Wie erzeuge ich Interesse?” wird auf der Journalistenschule gleich am Anfang behandelt. Ganz wichtige Bestandteile der “Mixtur der Traumnachricht” (La Roche) sind die Elemente Gefühl und Sex. Folgerichtig führt das zu Artikeln wie “Die Kanzlerin küsst nicht jeden“. Ein schönes Beispiel, wie man Inhalt durch Ablenkung liquidiert. Aber man muss das nicht so streng sehen, die Infotainment-Journalisten müssen unter erheblichem Zeit- und Verstandsmangel schreiben und sie sind ja schließlich der Unterhaltung und nicht der Nachricht verpflichtet.

In der Aufregung über die Verleihung des Nannen-Preises an die Bildzeitung kommt Jakob Augstein auf die gar nicht dumme Idee, dass die Mainstream-Medien mehr und mehr sowieso alle den gleichen Dreck schreiben und auch nicht besser sind als BILD (was BILD geehrt gleich verlinkt) (danke Lith!). Aber auch wenn das vielleicht auf das ehemalige Nachrichtenmagazin und Augstein zutrifft – man sollte nicht von sich auf andere schließen. Tatsächlich gibt es einen Unterschied zwischen Skandalisierung, Kalauerisierung und dem Verfassen inhaltsleeren Bullshits und xenophober, sexistischer und reaktionärer Agitation. Die Grenze ist fließend, aber sie ist da. Ohne Frage, beides geht auch gut konform.  Boulevardisierung und insbesondere neoliberale Propaganda lässt sich in diversen Formaten täglich nachvollziehen. Dennoch wird der Nivellierungsprozess in den Mainstream-Medien durchaus noch von vereinzelten, hochwertigen Berichten flankiert. Die primitiven, rechten Kampagnen der BILD fallen dagegen klar und ausnahmslos in den Bereich omfg.

(Augsteins Einsicht kommt im Übrigen nicht wirklich wie der erste Schritt zur Besserung rüber. Vielleicht wäre das auch zuviel verlangt. Allein der Titel seiner Kolumne “Im Zweifel links” zeugt ja von einem eklatanten Mangel an Durchblick. Im Zweifel? Schlage vor: Im Zweifel anhalten, umdrehen, wieder nach Hause fahren, dort bleiben, von mir aus Spiegel lesen.)

 

 

 

 

Horkheimer 1,99

Endlich mal ein überzeugendes Angebot!

chaval

 

 

Den meisten Sachen von Chaval kann ich nicht viel abgewinnen, vermutlich ist die Zeit über den Humor geschritten. Dieses Malheur aber finde ich großartig. Dabei liegt die große Klasse nicht im tragischen, brutalen Ende der Giraffe, sondern im dramatischen Einsatz des Zooangestellten.

kmii

„kein mensch ist illegal“ (kmii), die sicherlich bedeutendste Kampagne der 1990er Jahre, muss als Referenz für heutige politische Bewegungen genommen werden. Als Plattform eines offenen Netzwerks lokaler Initiativen und Individuen konnte kmii zeitweilig bemerkenswerte Strukturen etablieren, politische Impulse setzen und Unterstützung organisieren.

Entscheidend war zunächst der fundamentale Ansatzpunkt der Kritik, der sich nicht an Oberflächlichkeiten abarbeiten ließ, sondern unverhandelbar einen Point of no Return etablierte: Kein Mensch ist illegal. Eine einfache Feststellung, die tiefgreifende Forderungen impliziert. Aus Sicht der Bewegungsforschung ist der Verlauf der Kampagne ein hervorragendes Beispiel für ein intelligentes framing eines politischen Anliegens. Die Praxis einer hybriden Herangehensweise hat so lange funktioniert, bis sie von bewegungstypischen Verlaufsmustern zu stark überlagert wurde.

Continue reading ‘kmii’ »

FDP

Der Wehrmachtssoldat im gelben Pullunder, der 1944 (!) unwissentlich (?) in die NSDAP eintrat, der marode Baum, die 18-Prozent-Schuhe, der Antisemit auf der Suche nach Bodenhaftung, das Bambitrio, der neoliberale Sprung in der Platte, usw. usf. – das ist so wie mit dem Vollidioten aus der Schule, über dessen peinliche Geschichten man sich noch amüsieren kann, aber schon lange hat niemand nix mehr von ihm gehört. Endlich und zurecht war die FDP klinisch tot. Und plötzlich steht sie wieder auf. Wie das funktioniert, erklärt Albrecht Müller:

Bei genauer Beobachtung kann man wissen, dass jene, die über viel Geld und publizistische Macht verfügen, Meinungen umdrehen können. 5 oder 6 % der Wähler zu überreden, dass es sinnvoll ist, die FDP zu wählen, obwohl sie eigentlich tot ist, ist kein Kunststück.

Dort widmen sich auch Wolfgang Lieb und Jens Berger dem Doping für die FDP und Lieb resümiert heute noch mal die Werbekampagne für Lindner, der damals die Klugscheissertype gewesen sein muss, die sich nie in der Raucherecke blicken ließ und der man seinen schniken Adidas-Turnbeutel aufs Schuldach geworfen hat, weil sie ständig so abnervte.

fröhliche familien

Bis vor Kurzem kannte ich “Ernstings Family” nicht.

Ich gehöre auch aus mehreren Gründen nicht zu deren Kundenkreis.

Aber den Slogan finde ich wirklich sehr lustig.

 

Sofsky’s Traktat über die Gewalt

Es gibt Bücher in meinem Lesestapel, die schon lange darauf warten gelesen zu werden, aber auf unerklärliche Weise immer wieder nach unten wandern. Zum Beispiel Melvilles Moby Dick, der wie ein gestrandeter Wal schon seit Jahren nicht von der Stelle kommt. Ebenso ging es bis vor Kurzem Sofsky’s Traktat über die Gewalt, welches zwischenzeitlich wieder ins Regal verbannt wurde, dann wieder dem Stapel zugefügt, wieder ins Regal, in den Stapel, usw. usf., obwohl ich seit Erscheinung äußerst neugierig darauf war. Nun endlich hat Sofsky es geschafft, eben las ich sein Traktat und umso mehr ist es mir ein Rätsel, weshalb ich es nicht früher umgehend verschlang.

Sofsky beschreibt die Permanenz der Gewalt als unabänderliche Kulturkonstante. Noch im kriegerischen Urzustand waren die Menschen frei und niemand war vor dem anderen sicher. Aus der grenzenlosen Angst entsprang der Gesellschaftsvertrag, ein Bund der gemeinsamen Sicherheit. Um diese Sicherheit zu gewährleisten, ein Regelwerk der Ordnung zu etablieren und durchzusetzen, wurde der Herrschaftsvertrag begründet. Die Waffen wurden den Repräsentanten des Gemeinwillens übergeben, auf daß sie die Ordnung schützen. Die Gewalt aber ist damit keineswegs gebunden, sondern im Gegenteil: sie wird zentralisiert und weiterentwickelt.

 Herrschaft soll die Gewalt begrenzen, aber sie steigert sie bis zum Äußersten. Aus dieser historischen Sackgasse führt kein Ausweg. Das Projekt der Ordnung führte die Menschen in einen unendlichen Fortschritt der Gewalt hinein.

Sofsky beschreibt, wie die Ordnung selbst gar nicht anders kann, als Konformität, Ausschluß und Unterdrückung zu produzieren. Er verweist auf die Macht der Disziplin, die Foucault ausführlich beschrieb und fährt fort:

Niemals ist das Werk der Ordnung abgeschlossen. [...] Unbestimmtes, Unvertrautes, Mehrdeutiges muß so zugerichtet werden, daß es sich einfügt. Der Traum der Ordnung, das ist der Traum von der restlosen Beseitigung der Ambivalenz [...] Das Projekt der Ordnung führt nicht nur in einen infinitiven Progreß der Gewalt, es führt geradewegs in einen unendlichen Fortschritt der Regulierung, in ein ehernes Gehäuse des Gesetzes, wo jedes Ereignis, wo jeder Mensch seinen Platz hat, ein Sektor für jede Klasse, eine Zelle für jeden einzelnen. Die Utopie der Ordnung zielt auf die vollständige Eliminierung der Freiheit.

Im Mythos, den Sofsky bemüht, begehren die Menschen schließlich auf. Sie stürmen das Magazin, holen sich ihre Waffen zurück. Sie feiern ein Fest der Freiheit, welches wieder in einem Blutrausch endet. Gewalt stiftet Kultur und Kultur stiftet Gewalt.  Man sollte das Traktat nicht als gesellschaftsanalytisch betrachten. Es geht um die Funktion und die Formen von Gewalt. In diesem Punkt ist es eindringlich und bemerkenswert.

(Ich will noch eine Fußnote von Sofsky zu Hannah Arendt verfolgen, aber dann lese ich bestimmt Moby Dick.)

(Wolfgang Sofsky: Traktat über die Gewalt, Frankfurt a. M., 1996.)